Der emotional geprägte Ruf nach europäischen Ratingagenturen, wie er jetzt immer laut erschallt, hat viel weniger etwas mit Vernunft zu tun, als vielmehr etwas mit dem Wettrüsten eines aus dem rudergelaufenen, globalen Finanzmarktes.
Nach der Herabstufung Spaniens durch Fitch geraten die Ratingagenturen zunehmend in die Kritik. Die Forderungen nach einer eigenen europäischen Agentur werden lauter. Die EU plant zudem offenbar, den Analysten künftig genauer auf die Finger zu schauen.
Manager Magazin: Braucht Europa eine eigene Ratingagentur? »
Auge um Auge ist das Motto, einer sich immer schneller drehenden Gewaltspirale. Denn zu nichts anderen sind die Ratingagenturen, die jetzt noch neu hinzukommen sollen geeignet: Den ohnehin schon ausufernden Finanzmärkten noch ordentlich eins drauf zu setzen – einen Gegenpol zu bilden, zu den US-Agenturen, die mit ihren destruktiven Geschäftsfeldern die Menschen gegeneinander herab- und heraufsetzen. Doch was ist die Steigerungen, die eigentlich nach den Ratingagenturen kommt, wenn ihr Geschäftsmodell wieder einmal das Letzte aus den Staaten gesaugt hat? Druck erzeugt Gegendruck und es ist nicht anzunehmen, dass sich mittelfristig Investoren und Anleger mit der Einstufung ganzer Staaten zufrieden geben. Etwas Größeres muss her, um das Fetisch des grenzenlosen Wachstums zu befriedigen. So wird das zukünftige Auftreten europäischer und asiatischer Ratingagenturen weiter ein Wettrüsten in Gang halten, bei dem die Menschen ihr allerletztes bisschen Hab und Gut verlieren werden und, was noch viel schwerer wiegt, um ihre Freiheit gebracht werden: Der Verlust der Demokratie wird nur noch durch Überwachung und Kontrolle aufrecht zu erhalten sein. Schönes neue Welt.
Vom Bock zum Gärtner
Macht man sich auch noch bewusst, dass die Ratingagenturen gerade aus den ausufernden Finanzmärkten hervorgegangen sind, und eigentlich das bewerten, was sie angerichtet haben, entzaubert sich ihr Dasein ganz schnell und lässt sie in einem anderen Licht da stehen: Keinesfalls sind sie irgendwelche Heilsbringer die objektiv und realistisch Staaten bewerten. Nein, Sie sind als gewinnorientierte Unternehmen fest eingebunden und Teil eben dieser Finanzmärkte, die sich laben, in Form von Kreditausfallwetten zum Beispiel, an dem ganzen Gestrauchel und Gestolpere völlig überschuldeter Staaten. Nein, mit ihren Einschätzungen und Ratings wird überhaupt nichts besser werden.
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Bewundernswert, wie allseits und wohlwissend die Genesis, das Wirken und die Marktfunktion der Finanzratingagenturen beleuchtet wird.
Alles scheint klar und transparent.
Und dennoch spiegelt der Umgang mit ihnen vor allem eines wider: die Hilflosigkeit bzw. Kapitulation gestaltender Politik gegenüber einem globalen Finanzmarkt, auf dem Ratingagenturen äußerlich doch nur so etwas wie häßliche Pickel sind, aber mit einem Sporn wie eine Warze, der den Kreislauf kontrolliert.
Helfen könnte wohl nur ein radikaler Schnitt, das Veröden, aber wer wird das wann und mit welchen Folgen tun? Was kann danach kommen? Kollabiert der Patient?
Moment mal. Die Argumentation hier vertritt ziemlich genau die Linie der Finanzhaie.
Die drei großen Rating-Agenturen sind meiner Meinung nach im Finanzbereich etwa das, was Reuters, UPI und AP im Bereich der Nachrichten-Agenturen sind, auch wenn der Nachrichtenbereich nicht ganz so stark konzentriert ist wie der Bereich der Rating-Agenturen. Auch sie sind “gewinnorientierte Unternehmen” fest eingebunden ins System.
Ist es deshalb sinnvoll, neben diesen “gewinnorientierten Unternehmen” aus den USA in Europa und Deutschland eigene Nachrichten-Agenturen und Medien zu haben? Zum Beispiel, weil diese Nachrichten-Agenturen und deren angeschlossene Medien Propaganda machen, die Menschen belügen und verblöden und die Leute gegeneinander aufhetzen? Oder ist das als “Wettrüsten mit Nachrichten-Agenturen” zu verdammen? Natürlich ist es sinnvoll, in Europa und Deutschland öffentlich-rechtliche Medien zu haben, die der politischen Propaganda der großen US-Agenturen – hoffentlich – etwas entgegensetzen. Gleiches gilt für Rating-Agenturen.
Um zu erkennen, warum es in China eine sich nicht an den großen drei orientierende Rating-Agentur gibt, empfehle ich einen Grunsatztext von Guan Jianzhong, dem Chef der chinesischen Rating-Agentur Dagong:
http://www.dagongcredit.com/dagongweb/english/pr/show.php?id=99&table=web_e_zxzx
Er sieht den Aufbau von Rating-Agenturen, die nicht in der Hand der Imperialisten sind und mit absichtlichen Lügen ihren unanständigen Zielen dienen, als eine wesentliche Aufgabe der sich entwickelnden multipolaren Welt.
Ich meine: recht hat er. Es wäre ausgesprochen wünschenswert, wenn es eine oder mehrere faire Rating-Agenturen gibt, genauso wie es wünschenswert ist, dass es auch andere Nachrichten als Reuters und Fox News gibt.
Ein Jahrhundert lang galten die USA als unangefochtener Mittelpunkt des Weltfinanzsystems. Nun hat die Rating Agentur Standard und Poors dem Land die Bestnote entzogen. Damit wankt die bestehende Ordnung die aufstrebende Finanzmacht China stellt bereits Bedingungen an Washington. Natürlich können die USA jetzt China nicht mehr wegen den Menschenrechten kritisieren. Heute oben und morgen unten. Amerika ist wohl wirtschaftlich am Zenit angelangt und total überschuldet.