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Was ich in Berlin vermissen werde, weiß ich jetzt schon – Gastbeitrag von Reimfee

gepostet von am 18 - September - 2012 -KOMMENTAR+-  Share/Bookmark

Nach 6 Wochen (Arbeits-) Aufenthalt auf Usedom und um Wolgast herum, freue ich mich wieder auf das bunte Treiben in der Großstadt. Eine Liebe lebt halt mit Widersprüchen und so heiße ich es willkommen an der längsten Straße der Stadt zu leben, auf welcher fast unermüdlich die Autos hin und her jagen und das Quietschen der nahen S-Bahn mich frühzeitig aus meinem Traum holt.


Träumen werde ich den schneegrieselgrauen Winternächten von hier:

Ich werde in Berlin die Schwalben meiner Kindheit vermissen. Aus unserem Quartierfenster in Wolgast beobachtete ich ihr munteres Treiben auf dem Balkon der Nachbarin bereits im Morgengrauen.nHier leben sie mit den Menschen und ziehen ihre Kreise und so flog ich ein Stück des Weges mit ihnen und sie versetzten mich in eine Zeit zurück, in der die Sommer noch Sommer waren, und mir wurde bewusst, was ein Schwalbensommer wert ist und war.


Ich werde in Berlin die Peenebrücke von Wolgast vermissen. Täglich genoss ich den Anblick der stählernen blauen Schönheit, in deren Fenstern sich die Sonnenstrahlen brachen und das Wasser unter ihr pulsierte, so wie das der Verkehr auf ihr tat. Und sie trug das mit Grazie und Gelassenheit und nur ab und an öffnete sie ihren Schlund und gab das Wasser für die Schiffe frei, während die Autofahrer mehr oder weniger geduldig warteten.
Björn und ich auf der Majesty warteten nicht allzulange, sondern schlängelten uns an der oftmals endlos wirkenden Autoschlange vorbei, bis wir wieder das blaue Wunder in Augenschein nahmen. Ihr Abbild nehme ich gedanklich mit nach Berlin. Dass die Peenebrücke eine Seele hat, erlebte ich auch bei Abendspaziergängen in ihrer Nähe und auch wenn Berlin die Stadt der unzähligen Brücken ist, mein Brückenherz habe ich in Wolgast verloren.

Reimfee | Fotos auf Flickr ansehen

Ich werde in Berlin meine tägliche Radtour während der Mittagspause vermissen. Dabei habe ich 3 Lieblingsorte um unseren Arbeitsort Koserow entdeckt. Ab auf´s Leihfahrrad Richtung Deich und von dort aus über die Straße bis Lüttenort.


Lüttenort ist wirklich lütt, aber daher stammt der Ortsname nicht. Ein wunderbares Fleckchen Erde hatte sich der Maler Otto Niemeyer-Holstein ausgesucht. Zwischen feinsandigem Ostseestrand und beschaulichem Achterwasser ließ es sich vorzüglich leben, auch wenn es eine Zeit gab, in der die Gegend vermient war, so barg sie ihren Bewohnern Schutz im Segelboot „Lütter“, welches sich im Wasser versteckt halten konnte. Und später wurde aus dem Sommerdomizil in einem ausrangiertem Berliner S-Bahnwaggon ein fester Wohnplatz für Otto und Annelise. Ich habe mir ihn angeschaut. Ein weiterhin sich entwickelnder, lebendiger, friedvoller Ort, in Obhut der Kulturverantwortung des Landes Mecklenburg Vorpommern. Wie schön, dass die Kreativität hier weiter blüht so wie die Malven im Künstlergarten. Da malt jemand an der Staffelei und sie sagt was ich empfinde: “Ein wunderbar-inspirierender Ort hier, – nur die vorbeifahrenden Urlauber in ihren Blechkisten stören die Idylle. Warum erzeugen die auch im Urlaub freiwillig diese Blechlawinen? Warum lieben sie es wie die Heringe am Strand zu liegen? Warum lieben sie es bei grauem Himmel komplett die Insel zu verlassen und verbringen einen Teil ihrer Urlaubszeit im Stau?
Da schlendere ich doch lieber durch Lüttenort und fahre dann weiter.


Ich habe den Radweg zum Deich hin gefunden und so lasse ich mir den frischen Seewind um die Nase wehen und schaue, sehr tief durchatmend, auf das glitzernde Achterwasser und freue mich über die Ruhe hier, während gegenüber am Ostseestrand die Hütte voll ist. Wobei ich gestehen muss, dass mein 2. Lieblingsort um Koserow der Strand gegenüber der Künstlergedenkstätte ist. Er ist der Einzige der nie völlig überfüllt ist, da kein Parkplatz nebenan ist. Radler machen hier halt und aalen sich im feinen Ostseesand bevor sie in die See hopsen, in dem Fall ohne Klamotten, so wie Gott uns schuf. Öfters habe auch ich so meine Mittagspause genossen.


Mein 3.Weg, den ich öfters ansteuerte führte mich nach Loddin. Einfach bis zur Schranke hinter Koserow weiterfahren,in ein kleines Gewerbegebiet nach rechts einbiegen und flugs wird es wieder heimelig, bis irgendwann der kleine Loddiner Hafen auftauchte. Gern bin ich weiter durch das Dorf geradelt, bis zum „Elchverbotsschild“. Dann war man am nördlichsten Weinbergchen Deutschlands angelangt. Pommerscher Wein namens „Loddiner Abendrot“ gilt als Rarität. Na denn Prost, – entweder als Urlaubsmitbringsel für daheim oder direkt beim Waterblick.


Ich werde in Berlin den Skulpturenpark Katzow vermissen. An unserem freien Tag visierte Björn als erstes dieses Ziel an. Wir stiegen von der Majesty, unsere Fotoapparate im Schlepptau und schon ging jeder seine eigenen Wege durch das Terrain. Ich wurde eindeutig zweideutig von einer Skulptur begrüßt: “Wir sind doch alle Neger.“ Ich betrachtete den Gesellen ausgiebig und schmunzelte dabei. Dem Künstler spreche ich reichlich Humor zu und schon zog mich der mit Breitwegerich übersäte Weg in seinen Bann und ich fühlte mich eingeladen weitere Kunstwerke in Augenschein zu nehmen.


Zwischen Maulwurfshügeln, Rotklee -, Spitzwegerich -, Schafgarben – und Rainfarnblüten fühlte ich mich in meine Kindheit zurück versetzt und mir wurde wieder einmal klar, welche Vorteile es hat in einem kleinen Kaff aufgewachsen zu sein, Vorteile die Frau oft erst erkennt, wenn sie die Vierziger überschritten hat, weil da eine Blume, an der sie als Kind gerochen hat an Wert gewinnt. Und wenn sie diese Düfte wieder wahrnimmt, wenn sie wieder Schwalben fliegen sieht oder einen klappernden Storch hört, dann erlebt sie noch einmal das Paradies ihrer Kindheit das sie schon verloren zu haben glaubte. Manchmal. Und während sie den Storch klappern hörte, der über einem Kunstwerk thronte fühlte sie, dass niemand sie jemals aus ihrem Paradies vertreiben kann. Weil es in ihr ist.

Die Kombination von Natur und Kunst hat mich in Katzow ständig auf ´s Neue fasziniert. Kunstlust wurde nicht eingepflanzt in dem Ort in welchem ich aufwuchs. Gedichte waren dort eher suspekt, lesen auch. Gartenarbeit und häkeln waren erstrebenswert. Und putzen. Nix gegen all die Dies (außer gegen Häkeln).


Ich schreibe lieber Gedichte und streife durch Skulpturenparks. “Kling-klang“ surrte es neben mir. An einem Fahnenmasten fabrizierte ein Klangspiel sanfte Töne, während nebenan auf dem Feld Staub vom Pflügen aufwirbelte.
Inzwischen strahlte die Sonne auf dreieckige Silberspitzen, die von runden lila Blüten umsäumt waren. “Ohne Titel“ lese ich und finde den Titel perfekt gewählt.
Dann erblickte ich wieder ein sehr interessantes Etwas, eine Metallkreation mit etwas Rotem an der Seite. Ich trat näher und erblickte die rote Rose zu ihren Füßen. „Für Konny“ las ich. Ich blickte mich suchend nach Björn um und sah ihn versunken fotografieren. Auch für ihn war es ein Ort zum Verweilen.


„Hörst du noch den Klang der Stille?“ hat Gerhard Schöne einmal singend gefragt.
Vor Tagen hatten wir seinen Liedern erst gelauscht und auch Björn sang fröhlich mit.
Ja, wir hörten ihn deutlich den Klang der Stille in Katzow!


Ich werde in Berlin die ursprünglichen Gegenden vermissen, abseits vom hektischen Treiben, mit sauberster Luft, – in welcher die Fröhlichkeit transportiert wird und die Gelassenheit.
Einmal verließen wir hinter Zirchow unser Deutschland um mit der Fähre auf der Insel Wollin zu stranden. Zuerst flanierten wir durch den quirlig-bunten Badeort… Der Strandabschnitt war noch knalliger bunt als der auf der deutschen Seite, aber auch hier lagen die Menschen wie die Ölsardinen aneinander gepresst.

So fuhren wir nach einem kleinen Kaffee, der hervorragend schmeckte, langsam zurück Richtung Grenze. Und wir bogen vorher noch einmal ab, denn unser klasse Bäcker aus dem Backlokal in Wolgast, gab uns den Tipp, mal in eine kleine Nebenstraße einzubiegen. Das taten wir und wir landeten in der absoluten ländlichen Idylle. Mehr oder minder dem Alter preisgegebene Häuschen zeigten uns ihr Gesicht, viele waren noch bewohnt, da flatterte die Wäsche im Wind oder es leuchteten Äpfel und Mirabellen von den Bäumen. Die Hunde bellten als wir durch den Sandweg wateten. Ungewohnt diese Wege für deutsche Füße und dann der Anblick der antiken Stromleitungen auf denen scharenweise Schwalben Ausblick hielten! Ein Vogelschutzgebiet gab es in der Nähe, wir hätten hin wandern können aber wir fanden keine Zeit und die Mücken begannen zu piesacken. Die kleine Dorfkirche hatten wir noch entdeckt und ich war sehr erschrocken als sich davor eine (vermutlich) uralte Jesusfigur offenbarte, die achtlos und vom Gras überwuchert vor mir lag.


Wir hielten noch kurz am alten U-Boothafen, auch ein Tipp von unserem Bäcker, der uns fast 7 Wochen lang mit frischen Morgenbrötchen versorgte, bevor wir wieder mit der Fähre nach Swinemünde übersetzten.

Am kommenden Tag machte ich mich auf den Weg in unbekannte Gebiete Usedoms. In einem Fahrradladen in Wolgast konnte ich ein klasse Rad in Empfang nehmen und der freundliche Inhaber schenkte mir noch eine Fahrradkarte und eine persönliche Empfehlung dazu. „Wenn Sie es lieber ruhiger haben wollen, dann fahren Sie mal Richtung Krummin!“
Das tat ich beherzt und alle Spannungen lösten sich, als meine Lieblingsbrücke überquerte und ins Hinterland aufbrach.
Mit so viel Ursprünglichkeit hatte ich einfach nicht gerechnet.

Reimfee | Fotos auf Flickr ansehen

Nebenan an der Ostsee regiert der Massentourismus und hier bin ich stundenlang allein auf der Landstraße.Ich halte in Sauzin und trinke ein Wasser im Landgasthaus an einem heißen Sommertag. Da ist es wieder, das Gefühl eines richtigen Sommers, denke ich, und fahre weiter nach Zienitz. Ein Halt am Peenestrom: Hier gleich draußen wird ein Fest vorbereitet, Sitzgelegenheiten werden raus getragen, ein Zelt steht bereits und ein Spanferkel bräunt sich über dem Grill. Ich finde den kleinen Badesteg, springe hinein und wieder hinaus, rede mit Einheimischen, die sehr offen erscheinen und mir mitteilten, dass sich hier sonst keine Urlauber her verirren.


Weiter geradelt nach Neeberg, Sommerglück pur. Am Neeberger Hafen roch es so richtig dick nach Fisch und schon habe ich die kleinen Kutter entdeckt und die Netze, die in der Sonne trockneten. Hier lebt einer vom Fischfang denke ich und erinnerte mich an portugiesische Sommertage. Auf einer Bank schlief eine Radlerin und ich war schon wieder bereit in die Fluten zu springen. So beobachtete ich noch eine Weile das Treiben, bis ich aufbrach. Dahin wo Menschen mit nassen Haaren her kamen. Ich hatte den versteckten Badesteg entdeckt und war noch allein als Badende im Krumminer Wiek, bis eine Einheimische erschien, freundlich grüßte und es mir gleich tat.


Ich fahre weiter und stoppe neben der Kirche. Ein klitzekleines Lädchen zieht mich in seinen Bann, – die Inhaberin näht in der grauen Jahreszeit. „Das reicht für die paar Touristen, die sich hier her finden. Das reicht, mehr wollen wir hier gar nicht!“ Ich freue mich über die Genügsamkeit und kaufe einen schrägen Vogel, für den, den ich liebe.
„Im Pferdestall“ legte ich mich auf die Hollywoodschaukel und bekomme Kaffe und selbstgebackenen Streußelkuchen serviert. Ich bin im siebten Himmel.

Abends essen Björn und ich in Wolgast Zanderfilet und Biftteki. Ein wunderschöner Tag geht am Hafen von Wolgast zu Ende.


Aber es folgte noch eine gemeinsame Radtour mit Björn Richtung Krummin. Wir sind sogar noch weiter gefahren bis Neuendorf und haben den Möwenort besucht. Natur pur, holprige Fahrradwege, sattes, fettes Grasgrün, urige Bäume, weites Achterwasser und ein Stück Apfelkuchen in einem schwalbenfreundlichen Cafe Nahe Möwenort. Als ich mich dort umblicke, sehe ich, dass uns eine Schwalbe in die Augen sieht. „Ist die echt?!“ frage ich Björn, der erst einmal verneint, bevor er sich korrigiert und mit „Ja.“ antwortet. Gaaanz friedlich sitzt da eine Schwalbenmutter vor ihrem Nest und beobachtet das Treiben im Cafe. Die Kleinen recken ihre Hälse gen Himmel, ein Anblick, der am Achterwasser recht häufig genossen werden kann.
Da war ich wieder der Kindheit ein Stück näher.


Ich werde die Schwalben sehr vermissen in Berlin und ihre friedfertige Gelassenheit, die sich auch die Bewohner der Insel bewahrten.

So danke ich den Schwalben und denen, die ihre Nester schützen und schätzen. Und ich nehme einen großen Schatz mit nach Berlin: Gelassenheit!

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